Gepostet von am Okt 28, 2014 in 2014 - Jahr des Entdeckens

Seit Juni ist der Zopf ab. Seitdem wächst das Haupthaar völlig ungehindert und frei nach eigenem Gusto nach. Ziemlich witzig waren die Beobachtungen der letzten Wochen, da sich mein Aussehen von buddhistischer Nonne über einen kurzzeitigen Punk mit Irokesen bis zum jetzigen Stand der Haarlänge wandelte. Immer wieder erstaunlich, welche Auswirkungen die Frisur auf das Aussehen, die eigene und die Fremdwahrnehmung hat. Spannend, was es mit einem selbst macht, sich immer wieder in völlig neuen Facetten zu sehen. Was nun jedoch seit einigen Tagen mit mir geschieht, wenn ich in den Spiegel schaue, hat mich erst einmal irritiert. So auch heute Morgen. Ich wache auf, räkel und strecke mich. Bevor ich die Decke schwungvoll von mir werfe, kuschele ich mich noch einmal richtig gut ein. Es ist spürbar, dass der Winter naht. Immer öfter muss ich meinem lieben Körper erklären, dass Menschen nicht wie Bären für den Winterschlaf vorgesehen sind. Doch ich kann ihn nur zu gut verstehen und so gönne ich ihm noch ein paar bewusste Minuten unter der wärmenden Decke. Mit etwas weniger Schwung als sonst stehe ich auf und tapse ins Bad.

Auf dem Weg zur Dusche werfe ich einen flüchtigen Blick in den Spiegel und erstarre. Wie schon in den Tagen davor sehe ich als erstes nicht das noch gut gebräunte, vom Schlaf noch etwas verknittert dreinschauende Gesicht. Ich sehe nicht die Haare, die um die zwei Wirbel am Hinterkopf herum in alle Richtungen stehen, in silbrig-schimmerndem Braungrau, und darum bittend, trotzdem gemocht zu werden. Ich sehe nicht die bekannten Augen, die je nach Stimmungslage glitzern, wie Lichtdiamanten, die die Sonne auf die Wasseroberfläche malt oder die so tief sein können wie das Meer selbst. Ich sehe nicht das Elfenohr, das im wahrsten Sinne des Wortes einmalig an mir ist, das gleichzeitig so spitzbübisch und stoisch daran zu erinnern scheint, nicht ausschließlich von dieser Welt zu sein. In den Momenten, da ich eher flüchtig meinem Spiegelbild begegne, sehe ich in letzter Zeit nicht das Bild von mir, das ich kenne und mittlerweile sehr mag. Ich sehe nicht das Bild eines früheren Ichs, was ab und an schon mal vorkommen kann. Eine frühere Kristina, die ich mal war, die ich heute vielleicht nicht mehr bin, die jedoch immer ein Teil von mir ist.

In letzter Zeit sehe ich da nicht mehr nur mich, Kristina, sondern jemand anderen. Jemanden, den es außerhalb von mir, real gab, den ich kannte, mit dem ich lebte, stritt, dem ich vergab, den ich um Vergebung bat und den ich noch immer von ganzem Herzen liebe.  Die momentane Irritation wirft Fragen auf, verlangt nach Wahrnehmung. Sie lässt mich inne halten, so wie heute Morgen auf dem Weg zur Dusche. Ich bleibe vorm Spiegel stehen, bleibe in diesem Augenblick. Er dauert nur wenige Sekunden. Dann sehe ich wie gewohnt mein Gesicht, sehe, dass ich fragend dreinblicke, wie wohl so oft, wenn ich etwas Wahrgenommenes nicht gleich begreife, wenn ich ihm und mir offen begegne, um zu erfahren, was wir gerade miteinander zu tun haben. Da stehe ich heute Morgen also wie angewurzelt vor meinem Badezimmerspiegel und schaue mich fragend an. Heute sind mir diese Sekunden zwischen Irritation und meinem Spiegelbild greifbarer als die Tage davor. Sie bleiben in meinem Bewusstsein, klar und deutlich.Heute habe ich die Möglichkeit, in diese Sekunden einzutauchen, Zeit relativ sein zu lassen.

Es öffnet sich der mir gut bekannte Raum, in dem ich mein Erleben von einer völlig anderen Ebene aus betrachten kann. Alles, was diese irdische Welt so real macht, verschwindet, spielt keine Rolle. Hier in diesem Raum ist alles möglich, was ich mir vorstellen kann. Um mich herum, in mir wird es ganz weit. Unter geschlossenen Augenlidern wird mein Blick klar. Ich befinde mich nun in Gesellschaft der Person, die ich außer mir im Spiegel sehen kann und statt einem sekundenbruchteilgedachten „Ah, du bist es!“, ist mir hier in diesem Raum ein Zwiegespräch möglich. Ich stelle zwei wohlriechende, dampfende Kaffees auf das kleine Tischchen neben uns. Ja, das tue ich, denn schließlich ist es mein Raum, meine Welt und die male ich mir, wie sie mir gefällt. Und wir tranken so gern Kaffee zusammen, redeten, lachten, schwiegen miteinander. Früher. Also warum nicht auch heute, hier, in meinem Raum, wo Zeit keine Rolle spielt.

Ich atme gut durch und setze mich bequem hin. Ich komme ganz in mir an und hebe den Blick. Ich sehe mein Gegenüber, fühle, wie eine Welle der Liebe mich durchfließt. Ich beginne zu lächeln und sage: „Hallo Mütterchen, schön Dich in mir, durch mich… schön, Dich wiederzusehen. Was können wir füreinander tun?“

Lichtdiamanten

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