Gepostet von am Dez 4, 2014 in 2014 - Jahr des Entdeckens

Eine Freundin schrieb mir heute Morgen, dass sie sich schwer fühlt. Schweres Fühlen, schwere Träume. Es sei kaum aus dem Bett zu kommen mit all der Schwere. Mir geht es ganz ähnlich. Ich antwortete ihr ehrlich, dass „Depression“ das einzige Wort sei, mit welchem ich meinen geistigen und emotionalen Zustand heute beschreiben könne. Es zu tun, fiele mir nicht ganz leicht, doch was bliebe anderes übrig, da ich keine Lösungen parat habe, die Befindlichkeiten jedoch auch nicht verdrängen könne. Sie bedankte sich in der folgenden Nachricht bei mir für mein „einfach da sein“. Meine Antwort: „Klar! Das ist ja scheinbar das Einzige, was ich hinbringe…“ Sie schrieb: „Sofort Stop dem Selbstzerstörungsprogramm!“ Als allererstes zuckte ich mit den Schultern so a la „Ist doch eh egal.“Im nächsten Augenblick sah ich etwas anderes und beschrieb es ihr wie folgt: „Hm… vielleicht muss man sich selbst zerstören, um wieder neu auferstehen zu können. Das zerstören, was sich da aufgebaut hat und behindert, blockiert, immer gleiche Muster stricken lässt… die Kunst ist wohl, das „Richtige“ zu erwischen…“

Nachdem ich diese Nachricht verschickt habe, sitze ich nachdenklich an meinem Tisch, wärme mir die Hände an der Tasse mit dampfendem Kaffee und schaue in den Nebel, der nun den elften Tag in Folge vorm Fenster hängt. Ich denke an Menschen, die mein Leben geprägt haben. Viele von ihnen sind mittlerweile tot. Manche sind einfach kein Teil meines jetzigen Lebens mehr und manche sind tatsächlich tot. Ich denke an Menschen, denen es ähnlich zu gehen scheint. Darunter auch sehr junge Menschen, die mit diesen Phasen des Seins noch völlig überfordert sind, die diesen Momenten des Erkennens, Fühlens scheinbarer Sinnlosigkeit noch Ausdruck verleihen. Sie äußern auf verschiedene Weise, doch noch hör- und sichtbar, dass sie das Leben, so wie es gerade zu sein scheint, satt haben.

Wie viele Menschen mag es noch geben, die ähnlich empfinden. Wieviele wissen wir nicht genau, denn wer sagt das schon noch laut? Es ziehmt sich nicht, am Leben zu sein und dies nicht zu wertschätzen. Es ist nicht gesellschaftsfähig, auf die Frage „Wie geht es dir?“ ehrlich zu antworten „Heute habe ich das Leben satt.“ Wir sprechen nicht über den Tod. Wir nehmen ihn nur wahr, wenn er seine immerwährende Existenz zum Ausdruck bringt und jemand stirbt. Ein Mensch, ein Tier, vielleicht eine liebgewonnene Zimmerpflanze. Dann sind wir nicht nur bestürzt, sondern oftmals so irrwitzig überrascht, dass es so etwas wie den Tod im Leben gibt. Tod ist ebenso präsent wie das Leben, denn er gehört zum Kreislauf dazu. Seht Euch die Jahreszeiten an, die Tatsache, dass der erste Atemzug, unsere Geburt, die ersten Schritte in Richtung Tod sind. Und der Tod hat doch viele Gesichter. Die Blätter eines Baumes sterben jeden Herbst und im Frühjahr werden neue Blätter geboren. Der natürliche Kreislauf der Dinge. Irgendwann stirbt auch der Baum, doch bis dahin sind viel öfter Blätter gestorben und geboren worden.

Was wäre nun, wenn meine „Depression“ gar keine ist, allein schon, weil ich sie hinterfrage? Denn immerhin definieren wir damit eine psychische Störung, die, von einem Mediziner diagnostiziert, medikamentös und psychotherapeutisch zu behandeln ist. Was wäre, wenn dieser Zustand fehlinterpretiert ist? Was wäre, wenn Niedergeschlagenheit das Begreifen ist, dass wir verlernt haben, zu leben? Nicht der Einzelne, sondern das Kollektiv? Was wäre dann?

Vielleicht gibt es deshalb so viele junge Menschen, die keinen Sinn mehr im Leben sehen, weil sie nicht das Leben, sondern das allgemeine Existieren meinen?
Vielleicht waren und sind deshalb so viele Künstler scheinbar depressiv, weil sie mit ihrer Kreativität doch viel näher am ursprünglichen Leben sind?
Vielleicht haben so manche von uns manchmal das Leben satt, weil sie so hungrig nach Leben sind und dieses Existieren so wenig Leben in sich hat, dass wir am Verhungern sind?
Vielleicht kommen Zeiten, da wir so satt vom und voller Leben sind, dass wir nie wieder Hunger leiden?

Ich trinke den letzten Schluck Kaffee aus und schaue in den vorm Fenster hängenden Nebel. Schmunzeln muss ich, denn in einer weiteren Nachricht erinnerte mich meine Freundin daran, dass N E B E L rückwärts L E B E N heißt. Manchmal müssen wir eben auch mal zurück schauen, um uns zu erinnern, was Leben heißt. Manchmal müssen wir etwas von uns sterben lassen, um uns wieder neu gebären zu können.

Herbst2

6 Kommentare

  1. 12-4-2014

    Ja – dem ist so….es ist schmerzlich…weniger einfach…doch das erwachen ist tatsächlich eine Geburt…und wundervoll!
    Vielen Dank für deine Gedanken….Drücka
    Carmen

    • 12-4-2014

      Danke fürs Lesen, liebe Carmen!

  2. 12-5-2014

    Liebe Kristina,
    ich kann Dir vieles nachempfinden und ich finde, dass Du sehr wichtige Fragen aufwirfst. Fragen die wirklich eine nach der anderen Beachtung verdienen. Du könntest einen Abend mit diesem Thema zubringen und natürlich noch mehr. Ich liebe das mit dem Nebel und Leben. Das ist spannend! Vielleicht ein weiterer Artikel?
    Spannend finde ich Deine Fragen nach den Ursprüngen dessen, was wir Depression nennen. Ob die jungen Menschen und die Künstler noch viel mehr das allgemeine, bloße Existieren spüren als andere Menschen. Das ist wirklich ein sehr interessanter Gedanke, der es wert ist noch weiter ausgeführt zu werden. Danke für die vielen Gedankenanstöße und Deine Offenheit! 🙂
    Anja

    • 12-8-2014

      Liebe Anja,
      das Thema „Nebel und Leben“ birgt viel Stoff in sich, da stimme ich Dir zu. Danke für Deine schönen Zeilen und Dein Eintauchen in die meinen.
      NebelLeben(dige) Grüße 😉
      Kristina

  3. 4-16-2015

    Danke!

    Für eine weitere Sicht auf das Thema Depressionen. Die mir grad ein weiteres Stück hilft zu verstehen.

    Und die so schön zwischen den Extremen liegt, die ich oft mitbekomme. Das Leben sei immer lebenswert, egal wie schlecht es läuft. Oder das Leben sei gar nicht lebenswert, weil man immer nur daran zu leiden hätte. Vielleicht müssen wir uns gar nicht entscheiden. Sondern nur einen Teil von uns sterben lassen, damit ein anderer weiter leben kann.

    Ich wünsche mir jedenfalls mehr Menschen, die es wagen, die Last auszuhalten, die die Frage nach dem „echten Leben“ und dem Sinn dahinter mit sich bringt, um unsere Gesellschaft zu verändern. Sie sind es die die Welt zu einem besseren Ort machen können. Und ich wünsche diesen Menschen die Kraft, die Weisheit und das Selbstbewusstsein damit einen Weg zu finden, der sie nicht in die Selbstaufgabe für dieses höhere Ziel treibt, sondern der auch sie selbst glücklich macht. Wenn wir etwas für das Leben tun wollen, müssen wir uns manchmal erst mal um unser eigenes kümmern. Soviel zum Selbstzerstörungsprogramm 😉 )

    Dein Kreislaufgedanke hat auch mir mal in schwierigen Zeiten geholfen. Und ich bin heute sehr stolz darauf, dass mein „innerer Winter“ zu mir gehört.

    • 4-16-2015

      Das Leben ist auch immer ein Sterben, im Kleinen, wie im Großen. Mutter Natur macht es uns vor, jeden Tag. Und nicht jeder Tod ist von der Dramatik, die wir oft empfinden, wenn ein geliebter Begleiter stirbt. Unser Körper lebt, stirbt, erneuert sich viele tausend Male am Tag, warum nicht auch etwas anderes (Geist, Konditionen, Prägungen etc. …)

      Danke für diesen schönen und tiefsinnigen Kommentar und dieses sehr inspirierende Bild vom „inneren Winter“!
      Alle(s) Liebe für Dich.
      Kristina

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