Gepostet von am Sep 28, 2014 in 2014 - Jahr des Entdeckens

Während ich an einem neuen Blog schreibe, höre ich die Nachbarskinder auf dem elterlichen Grundstück spielen. Ich höre ihre fröhlichen, entspannten Stimmen. Die Situation wirkt auf mich recht friedlich und doch habe ich plötzlich einen Puls von 180. Ich rege mich sowas von auf! Am liebsten möchte ich jetzt vor Euch stehen und es Euch erzählen, dann würdet Ihr genau sehen, wie sehr ich mich aufrege! Was diese friedliche Situation an sich hatte, meinen Puls derart in die Höhe zu jagen? Der Vater der Kinder, ein sehr netter Mensch, kommt die Hofeinfahrt hoch und ist schon von weitem zu vernehmen, wie er die Kinder ermahnt: „Seid vorsichtig. Macht das so und so, sonst passiert das und das.“ Die Kinder verstummen, ich sehe sie regelrecht vor mir, wie sie betreten auf ihr Spielzeug schauen. Vielleicht haben sie ein paar Dinge, die auf dem Hof lagen, zweckentfremdet ihrem Spiel hinzugefügt. Das Spiel hatte ihre ganze Aufmerksamkeit. Und nun sitzen sie da und fragen sich, wofür sie sich entscheiden: ihr intuitives Spiel oder gehorchen?

Ich wohne in einem gutsituiertem bayerischen Kleinort, nicht in der Bronx in Amerika. Was können Kinder hier schon vorfinden, was ordentliche und immer besorgte Eltern eh ständig wegräumen und mit „Nicht berühren“-Buttons versehen haben? Dynamit? Rasierklingenscharfe Messer? In mir kocht es. Bisher habe ich bei solchen Situationen nur innerlich den Kopf geschüttelt oder einen herzinnigen Wunsch „nach oben“ geschickt. Wenn ich ganz rebellisch drauf war, habe ich den Kindern zugezwinkert und mir gedacht „Jawohl, macht das mal, wird schon gut gehen.“. Doch heute kocht es in mir. Es ist viel passiert mit mir in den letzten Tagen. Viel Arbeit im Innen und die ersten Ergebnisse zeigen sich deutlich seit gestern. So wohl auch die Fähigkeit, meine Unzufriedenheit nicht mehr nur in höflicher Toleranz, weiser kollektiver Heilungsbitte oder spitzbübischer Beipflichtung auszudrücken. Bei all den Erinnerungen, die mir an ähnliche heile Wohnort-, Spielplatz- und andere Situationen hochkommen, kommt mir mein Kaffee wieder hoch. Ich bin stocksauer! Und es fließt aus mir:

Manchmal verspüre ich den unbändigen Drang, auf Spielplätzen und Wohngebieten den Eltern spielender Kinder einfach ins Gesicht zu brüllen: EURE ANGST KOTZT MICH EINFACH NUR AN! Selber nie auf einen Baum geklettert oder ewig nicht mehr mit irgendwas gespielt (außer Smartphones und Leben anderer) wird da eine Unmenge an Energie verschwendet, den Kindern immer wieder einzubleuen, sie mögen dies oder das oder jenes nicht oder vorsichtig tun. *AAAAAAARGH*!!!!!!!!!!!!! Was wirklich gefährlich ist, wissen die Kids im Grunde ihres Herzens selber und manchmal wollen eben auch schmerzhafte Erfahrungen gemacht werden! Und nicht jeder Knieschürfer führt unweigerlich zum Tode in unserer westlichen Welt! LASST DIE KINDER SPIELEN UND IHRE ERFAHRUNGEN MACHEN! Und LOOOOS! Handys aus der Hand und Sabbelgespräche eingestellt – SPIELT MIT!

Versteht mich nicht falsch, ich bin sehr wohl der Meinung, dass wir unsere gemachten Erfahrungen mit anderen teilen sollten, damit sie sich vielleicht den ein oder anderen Schmerz ersparen. Doch mal ehrlich, wie gut hat das bei unseren Eltern funktioniert? „Kind, fasse nicht auf den Herd, der ist heiß!“, „Triff dich nicht mehr mit diesem Jungen, der wird dir das Herz brechen.“ Ihr wisst sicher, was ich meine. Es geht nicht darum, den anderen blind jede Erfahrung machen zu lassen, ohne einzugreifen. Sollte ich jemals dazu kommen, wie einer Bungee-Jumping ohne Seil versuchen sollte, seid Euch sicher, dem quatsche ich eine Klingel ans Knie. Was mich so unbändig aufregt, ist die weitverbreitete Panikmache, die weit über Spielplatz und Eltern-Kind-Beziehungen hinaus gehen und von der wir uns scheinbar unbewusst steuern lassen.

Deutschland einig Feiglingland. Ok, das ist etwas hart formuliert, doch mal ehrlich, die sanfte Tour funktioniert bei uns doch nicht mehr, oder? Wir leben in einer Gesellschaft, die völlig angstgesteuert so leicht zu manipulieren ist, dass mir schon wieder der Kaffee hochkommen will. Angst um die Kinder, die doch unsere Zukunft sind, die zwar rabenschwarz anmutet, aber egal. Angst um die Jobs, die uns zwar kaum noch Freude, dafür umso öfter krank machen, aber das Einkommen sichern, mit dem wir kaum mehr ein lebenswertes Auskommen haben. Zu pathetisch? Gut, wie siehts dann damit aus? Wir nehmen mittlerweile Gesetze hin, die Ehrenamtlichen einen Nachweis über Inhaltsstoffe gespendeter Kuchen aufzwingen und vergessen darüber, dass wir doch mittlerweile überhaupt nicht mehr wissen, was wirklich in unseren Nahrungsmitteln enthalten ist. Angstgepeinigt schleudern wir von einem Thema zum anderen, ohne uns entscheiden zu können, was für eine Meinung wir denn da nun haben wollen oder sollen. Mit ganz viel Glück stellen wir noch fest, dass es gar nicht mehr möglich ist, sich eine wirkliche Meinung zu bilden, da es zu viele Unbekannte gibt. Und so verfallen wir in den nächsten Konsumrausch. Dieses Mal verschaffen wir uns Informationen bis der Notarzt kommt, ohne dass es uns heutzutage gelingt, eine klare Meinung zu fassen, da sich die Fakten aller Nase lang ändern oder aus so unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten werden können, dass uns schwindlig wird. Und bei all dem verpassen wir es, Entscheidungen zu treffen, ins Tun zu kommen, statt zu konsumieren, zu diskutieren, zu philosophieren.

Wo ist denn unser gesunder Menschenverstand geblieben? Himmelherrje! Ich denke, wir sollten uns so langsam entscheiden, ob wir angstgesteuerte Konsumjunkies bleiben wollen, oder uns mit ganz viel Herz und Verstand für einen neuen Weg entscheiden. Und mit Verlaub, da können wir von unseren Kindern wirklich was lernen.

Federico Oliva - Spielende Kinder

 

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